Pilates ist gefühlt gerade überall. Neue Studios eröffnen, Reformer-Kurse sind ausgebucht, auf Social Media sieht man plötzlich wieder Pilates statt Yoga. Wer sich ein bisschen in der Fitness- und Wellnesswelt bewegt, könnte tatsächlich den Eindruck bekommen: Yoga war gestern. Pilates ist heute.
Das könnte ich natürlich bedauern. Tue ich aber ehrlich gesagt nicht.

Denn vielleicht ist der Pilates-Boom sogar eine ziemlich gute Entwicklung für Yoga.

Auch Pilates ist übrigens weit mehr als reines Fitnesstraining. Die Methode hat einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem neben der körperlichen Bewegung unter anderem Atmung, Konzentration und Körperwahrnehmung eine wichtige Rolle spielen. Trotzdem wird Pilates heute häufig als Sport-, Fitness- und Lifestyle-Angebot vermarktet – und ist damit gerade ausgesprochen erfolgreich. So wie es Yoga einmal war.
Vielleicht lädt uns genau das im Yoga dazu ein, uns eine Frage zu stellen, die längst überfällig ist: Was ist eigentlich Yoga – wenn wir die Asanas einmal nicht in den Mittelpunkt stellen?

Denn daran, dass Yoga heute häufig vor allem als körperliche Praxis wahrgenommen wird, ist die Yogawelt nicht ganz unschuldig. Über viele Jahre wurde Yoga vor allem über das sichtbar gemacht, was sich am einfachsten zeigen lässt: Körper in Asanas. Mal akrobatisch, mal entspannt, mal im Sonnenuntergang am Strand. Influencer präsentierten in knappen Outfits und mit durchtrainierten Körpern Flexibilität, Kraft, Balance und den perfekten Flow als das Bild von Yoga.
Und irgendwann wurde aus einem Teil des Yoga in der öffentlichen Wahrnehmung das Yoga selbst.
Wenn Yoga aber vor allem Asanapraxis ist, dann muss es sich tatsächlich mit Pilates, Barre und anderen Trainingsformen vergleichen lassen. Welches Training kräftigt besser? Was macht beweglicher? Was trainiert den Core effektiver?

Nur: Vielleicht ist das gar nicht die Frage, die Yoga beantworten muss. Vielleicht liegt im aktuellen Pilates-Boom vielmehr eine Chance für Yoga. Anstatt zu versuchen, auf demselben Spielfeld das attraktivere Workout zu sein, könnten wir uns wieder stärker darauf besinnen, was Yoga jenseits der Asanas eigentlich ausmacht – und warum genau das heute vielleicht relevanter ist denn je.

Yoga ist mehr als das, was wir auf der Matte sehen

Natürlich gehören Asanas zum Yoga. Und körperliche Bewegung kann unglaublich wertvoll sein. Sie kann kräftigen, mobilisieren, Schmerzen lindern, uns aus dem Kopf und wieder mehr in den Körper bringen. Es geht also nicht darum, die körperliche Yogapraxis kleinzureden.
Aber Yoga beginnt nicht mit dem herabschauenden Hund und endet nicht mit Savasana.

Yoga ist eine jahrtausendealte philosophische und spirituelle Tradition, in der die Arbeit mit dem Körper nur einen Teil ausmacht. Atemübungen, Meditation und Konzentration gehören ebenso dazu wie die Beschäftigung mit der Frage, wie wir mit uns selbst und mit anderen umgehen. Und es geht nicht nur darum, ob ich eine bestimmte Haltung einnehmen kann, sondern vor allem darum, was ich währenddessen wahrnehme. Wie gehe ich mit Anstrengung um? Merke ich eigentlich, wann mir etwas zu viel wird? Kann ich eine Grenze wahrnehmen – und darf ich sie respektieren? Was passiert, wenn ich nicht versuche, etwas besonders gut zu machen? Kann ich bei mir bleiben, obwohl um mich herum andere etwas ganz anderes tun?

Eine Asana kann damit natürlich weiterhin eine körperliche Übung sein. Aber sie kann gleichzeitig zu einem Raum werden, in dem ich mich selbst beobachte und vielleicht sogar etwas über meine gewohnten Muster erfahre. Und dafür muss die Haltung weder besonders anspruchsvoll noch besonders beeindruckend aussehen. Im Gegenteil: Manchmal passiert das Interessanteste im Yoga gerade dann, wenn von außen kaum etwas passiert.

Und was hat das mit Yogatherapie zu tun?

Yoga kann auch therapeutisch eingesetzt werden.

In der Yogatherapie wird Yoga gezielt eingesetzt, um Menschen mit einem konkreten gesundheitlichen Anliegen zu begleiten – körperlich wie psychisch. Ausgangspunkt ist dabei nicht eine bestimmte Yogastunde oder Übungsreihe, sondern der Mensch: seine aktuelle Situation, seine Beschwerden und Einschränkungen, aber auch seine Ressourcen und seine Ziele. Daraus entsteht eine Praxis, die gezielt ausgewählt und angepasst wird. Welche Asanas sind sinnvoll? Wie müssen sie vielleicht verändert werden? Welche Rolle können Atemübungen, Meditation, Entspannung oder Körperwahrnehmung spielen? Was ist im Moment hilfreich – und was möglicherweise nicht?

Yogatherapie ist kein starres Programm. Die Praxis kann sich verändern, wenn sich auch die Situation des Menschen verändert. Und sie muss keineswegs nur im Einzelsetting stattfinden. Auch eine Gruppe kann yogatherapeutisch arbeiten, wenn sie sich an einem gemeinsamen gesundheitlichen Anliegen orientiert – etwa bei Rückenschmerzen, einer Krebserkrankung oder Depression. Dabei kann Yogatherapie aus der ganzen Bandbreite des Yoga schöpfen: aus Asanas ebenso wie aus Atemübungen, Meditation, Entspannung, Körperwahrnehmung oder philosophischen Impulsen.

Asana als Werkzeug

Wir nutzen nicht den Körper, um in die Asana zu kommen – sondern die Asana, um in den Körper zu kommen.

Bei Rückenschmerzen kann der Schwerpunkt beispielsweise auf Beweglichkeit, Stabilität, Haltung und einem angemessenen Umgang mit Belastung liegen. Bestimmte Asanas werden verändert, unterstützt oder vielleicht ganz weggelassen. Bei einer Krebserkrankung können Operationsfolgen, eingeschränkte Beweglichkeit, Fatigue oder die aktuelle Belastbarkeit eine Rolle spielen. Gleichzeitig kann es auch darum gehen, nach einer Zeit voller Untersuchungen und Behandlungen wieder einen anderen Zugang zum eigenen Körper zu finden.

Bei Depression wiederum können ganz andere Fragen wichtig werden. Braucht es gerade eher Aktivierung oder Ruhe? Wie viel Anforderung ist hilfreich? Bewegung, Atem, Wahrnehmung und Meditation können dabei ganz unterschiedlich gewichtet werden. Und im traumasensitiven Yoga verschiebt sich der Fokus noch einmal. Hier spielt nicht nur eine Rolle, was wir üben, sondern ganz wesentlich, wie eine Praxis angeboten wird: mit Wahlmöglichkeiten, Selbstbestimmung, einer Einladung zur eigenen Wahrnehmung und möglichst wenig Druck, etwas auf eine bestimmte Weise tun zu müssen.

Das sind sehr unterschiedliche Anwendungen. Gemeinsam ist ihnen, dass nicht der Mensch an eine vorgegebene Yogapraxis angepasst wird, sondern die Yogapraxis an den Menschen.

Yoga muss nicht mithalten

Vielleicht muss Yoga also gar nicht versuchen, mit dem nächsten Fitnesstrend mitzuhalten.

Wenn Pilates gerade das angesagtere Workout ist: wunderbar. Das nimmt Yoga nichts weg. Im Gegenteil. Vielleicht schafft es sogar Raum dafür, Yoga wieder in seiner ganzen Bandbreite wahrzunehmen – als eine Praxis, in der Atem, Wahrnehmung, Meditation, Philosophie und der Umgang mit uns selbst ebenso ihren Platz haben wie Bewegung.

Für mich liegt genau darin auch die Zukunft der Yogatherapie: aus der Vielfalt des Yoga das auszuwählen, was für einen Menschen in seiner jeweiligen Situation hilfreich sein kann.

Vielleicht muss Yoga also gar nicht wieder „in“ werden. Vielleicht darf es einfach wieder mehr Yoga sein.

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