Gut für sich sorgen ist kein Egoismus

Warum Selbstfürsorge im neuen Jahr nichts mit Egozentrik oder Selbstoptimierung zu tun hat – ein yogatherapeutischer Blick

Der Jahresanfang ist für viele Menschen kein Neubeginn, sondern ein inneres Stressprogramm.
Wir schreiben lange Listen: mehr Disziplin, mehr Bewegung, weniger Stress, bessere Routinen, ein „besseres Ich“.

Was dabei oft übersehen wird:
Mit diesen Listen setzen wir uns selbst von Anfang an unter massiven Druck – und schaffen genau die Bedingungen, unter denen Scheitern fast unvermeidlich wird.

Denn diese Vorsätze transportieren eine klare Botschaft:
So wie du bist, reicht es noch nicht.

Sie berücksichtigen selten, wie unser Alltag wirklich aussieht, wie erschöpft viele von uns sind oder wie sehr unser Nervensystem bereits im Dauerstress läuft. Stattdessen verlangen sie Durchhalten, Kontrolle und Selbstdisziplin.

Und wenn wir – wenig überraschend – nicht konsequent bleiben, passiert etwas sehr Vorhersehbares:
Der innere Kritiker übernimmt das Kommando.

Plötzlich geht es nicht mehr um Entwicklung, sondern um Selbstabwertung.
Aus „Ich wollte etwas Gutes für mich tun“ wird „Ich kriege es mal wieder nicht hin“.
Viele resignieren dann komplett – nicht nur in Bezug auf den Vorsatz, sondern auch im Umgang mit sich selbst.

Aus yogatherapeutischer Sicht ist das kein persönliches Versagen.
Es ist die logische Folge eines Systems, das auf Druck statt auf Selbstregulation setzt.


Selbstfürsorge ist nicht Egozentrik

Gerade an diesem Punkt wird häufig etwas verwechselt:
Selbstfürsorge wird mit Egoismus oder Egozentrik gleichgesetzt.

Doch das ist ein grundlegender Irrtum.

Egozentrik bedeutet, die eigenen Bedürfnisse über die der anderen zu stellen, Grenzen zu missachten und Beziehung aus dem Blick zu verlieren.
Selbstfürsorge hingegen bedeutet, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Verantwortung für den eigenen Zustand zu übernehmen und das eigene Nervensystem so zu regulieren, dass Beziehung überhaupt möglich bleibt.

In der Yogatherapie betrachten wir Selbstfürsorge nicht als Rückzug vom Leben, sondern als Voraussetzung für ein gesundes, verbundenes Dasein. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, wird nicht großzügiger, hilfsbereiter oder präsenter – sondern erschöpft, reizbar oder innerlich abwesend.

Sich gut um sich selbst zu kümmern ist deshalb kein Zeichen von Ich-Bezogenheit, sondern von Selbstverantwortung.


Selbstfürsorge ist auch keine Selbstoptimierung

Besonders zum Jahresanfang ist es wichtig, Selbstfürsorge klar von Selbstoptimierung abzugrenzen.

Selbstoptimierung folgt oft diesen inneren Annahmen:

  • Ich bin noch nicht gut genug
  • Ich muss mich verbessern
  • Erholung ist nur dann sinnvoll, wenn sie mich leistungsfähiger macht

Selbstfürsorge – insbesondere im yogatherapeutischen Sinn – basiert auf einer anderen Haltung.
Sie geht davon aus, dass wir nicht repariert oder optimiert werden müssen, sondern dass wir wieder lernen dürfen, uns selbst wahrzunehmen.

In der Yogaphilosophie spielt hier Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, eine zentrale Rolle. Sie meint nicht nur den Verzicht auf äußere Gewalt, sondern auch den inneren Umgang mit uns selbst. Permanenter Druck, Selbstabwertung und das Ignorieren von Erschöpfung sind subtile Formen von Gewalt.

Yoga und Yogatherapie laden uns ein, innezuhalten, zu spüren und den Wert des Seins nicht ständig dem Tun unterzuordnen.


Warum Regeneration kein Luxus ist

Viele Menschen haben verlernt, echte Regeneration zuzulassen.
Pausen werden gefüllt, Ruhe wird optimiert, selbst Entspannung soll „effektiv“ sein.

Doch unser Nervensystem funktioniert nicht nach Leistungslogik.

Aus Sicht der Yogatherapie und der Arbeit mit Stress und Trauma ist klar:
Regeneration ist kein Bonus – sie ist notwendig.

Regelmäßige Erholung unterstützt:

  • die Regulation des Nervensystems
  • emotionale Stabilität
  • Konzentrationsfähigkeit
  • körperliche Gesundheit

Schöne Momente, bewusste Ruhe und nährende Erfahrungen sind nichts, das wir uns verdienen müssen. Sie sind das, was unser System im Gleichgewicht hält.

Yoga wirkt hier nicht als weiteres To-do, sondern als Erfahrungsraum:
Atem, sanfte Bewegung, bewusste Wahrnehmung und Pausen signalisieren Sicherheit. Sie helfen dem Körper, aus dem Dauer-Alarmzustand auszusteigen.


Yogaphilosophie: Freundlichkeit statt Druck

Auch philosophisch ist Selbstfürsorge tief im Yoga verankert.
Konzepte wie Santosa, die Zufriedenheit, erinnern uns daran, dass innerer Frieden nicht aus ständigem Streben entsteht, sondern aus dem Anerkennen dessen, was ist.

Selbstfürsorge bedeutet in diesem Sinne:

  • den eigenen Rhythmus zu respektieren
  • die eigene Geschichte mit Mitgefühl zu betrachten
  • sich nicht ständig über die eigenen Grenzen hinwegzusetzen

Gerade für Menschen mit Stress-, Trauma- oder Krankheitserfahrungen ist das keine Nebensache, sondern ein zentraler Heilungsweg.


Sich selbst zur Priorität machen – eine bewusste Entscheidung

Vielleicht ist dieses Jahr nicht der Moment, um noch mehr zu erreichen.
Vielleicht ist es der Moment, um anders mit dir selbst umzugehen.

Was wäre, wenn dein Vorsatz nicht „mehr Disziplin“, sondern „mehr Freundlichkeit“ wäre?
Wenn du dir bewusst Räume für Regeneration schaffst – nicht erst, wenn alles erledigt ist, sondern weil dein Wohlbefinden zählt?

Selbstfürsorge beginnt oft nicht mit großen Veränderungen, sondern mit kleinen, klaren Entscheidungen:

  • eine Pause ernst zu nehmen
  • Unterstützung anzunehmen
  • einen geschützten Raum aufzusuchen

Jetzt Akzente setzen – statt später zu reagieren

Unser Wohlbefinden entsteht nicht erst dann, wenn wir erschöpft sind.
Es entsteht durch die Entscheidungen, die wir früh treffen.

Wenn wir das Jahr einfach „laufen lassen“, reagieren wir oft nur noch: auf Stress, Termine und äußere Anforderungen.
Wenn wir dagegen jetzt bewusst Akzente setzen, gestalten wir den Verlauf des Jahres aktiv – mit geplanten Inseln von Regeneration, Verbindung und yogatherapeutischer Körperarbeit.

Genau darum geht es mir mit dem Neujahrsspecial am 10. Januar und dem Retreat vom 17.–19. Juli:
nicht als Notlösung, sondern als bewusst gesetzte Highlights im Jahr.
Als feste Punkte, auf die sich Körper und Nervensystem ausrichten dürfen – lange bevor Überforderung entsteht.

Yogatherapie und traumasensitives Yoga können so nicht nur kurzfristig entlasten, sondern den gesamten Jahresverlauf stabiler, klarer und freundlicher prägen.


Fazit

Gut für sich zu sorgen ist kein Egoismus.
Es ist ein Akt von Verantwortung, Achtsamkeit und Mitgefühl – dir selbst gegenüber und damit auch der Welt.

Vielleicht ist die wichtigste Entscheidung für dieses Jahr nicht, was du erreichst.
Sondern, wie du mit dir selbst umgehst.


Categories: Alle

Post Your Thoughts

Join event