Als mein Vater beinahe an Covid-19 starb

Trotz hoher Covid-19-Zahlen sehe ich täglich so viele Verstöße gegen die Hygiene-Regeln. Ich glaube gar nicht, dass es böse gemeint ist. Ich glaube, für viele ist Covid-19 und die damit verbundene Lebensgefahr einfach nur zu weit weg. Aber das kann sich wirklich von einer Minute zur nächsten radikal ändern.

Mein Vater ist kein typischer Achtzigjähriger. Er läuft jeden Tag mit unserem Hund die Weinberge rauf und runter, ist fast täglich auf dem Tennis- oder Golfplatz zu finden, isst gesund und hält sich auch geistig top fit. 

Mein Vater im Wettrennen mit seinem Enkel Mika, wenige Wochen vor seiner Erkrankung.

Deshalb realisierte er vielleicht auch gar nicht, dass etwas ganz schief lief, als er eines Tages im November beim Anlegen der Hundeleine einfach vornüber fiel – nicht nur einmal, sondern gleich dreimal. Er setzte sich auf eine Bank, wartete ein paar Minuten, und machte sich anschließend wieder auf den Weg. 

Gerade einmal zwei Tage später: Mein Vater, völlig weggetreten, kaum noch ansprechbar und körperlich enorm schwach, wird von zwei Ersthelfern im Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren. Diagnose: Covid-19 und extreme Dehydrierung aufgrund von ständigen Durchfällen. 

So wurde mein Vater einer von über einer Million Covid-Infizierten in Deutschland.

Wir alle fühlten uns schrecklich hilflos. Der Horrorfilm spielte sich vor unseren Augen ab, aber wir konnten nichts tun, um zu helfen. Schrecklich fand ich die Tatsache, dass ich nicht zu unserer Mutter konnte. Auch sie war Corona-positiv getestet worden; da sie mildere Symptome hatte und bereits auf dem Weg der Besserung war, blieb sie zu Hause — natürlich in Quarantäne. 

Mein Bruder, der in San Francisco lebt und ich konnten nur über das Telefon mit ihr kommunizieren. Die meiste Zeit war sie mit ihrer Krankheit und der furchtbaren Angst um meinen Vater allein. Das brach mir fast das Herz. 

Ansteckung beim Einkaufen

Meine Eltern sind keine Partyhengste. Sie haben einen kleinen, engen Freundeskreis. Man trifft sich ab und zu in Restaurants oder dem Golfplatz. 

Seit dem Start der Pandemie in Europa im Frühjahr hatten sich meine Eltern – beide Ärzte – mehr und mehr zurückgezogen, trugen natürlich die Maske und trafen sich seltener mit Bekannten oder auch mit uns. Als die Covid-Zahlen im Herbst wieder stiegen, verzichteten sie ganz auf Verabredungen und blieben zu Hause. Nur alle paar Tage erledigte einer von ihnen die Einkäufe beim nahen Discounter.

Deshalb lässt sich auch mit Gewissheit sagen, dass die Ansteckung beim Einkaufen geschah – trotz Maske, trotz des Bestrebens, in den engen Gängen Abstand zu halten und nicht unnötig Zeit im Laden zu verlieren.  

Die Hölle fing erst an

Unsere Hoffnungen, dass sich der Zustand meines Vaters im Krankenhaus schnell bessern würde, bestätigte sich nicht. Zwar wurde das verlorene Körpervolumen per Infusion ersetzt. Mein Vater blieb aber sehr schwach und bekam aber immer schlechter Luft. Das Virus verhinderte den Austausch zwischen Sauerstoff und Kohlendioxid in großen Teilen seiner Lunge – und es wurde schlimmer. 

„Man muss sich das so vorstellen“, sagt er, „Du atmest ein, und du bekommst nicht genug Luft. Also atmest du tiefer ein, und es kommt nichts. Dann atmest du fast krampfhaft tief ein, und du bekommst trotzdem nicht genug Sauerstoff. Es fühlt sich an, als ob du erstickst, und du kannst nichts dagegen tun.“

Die normale Sauerstoffsättigung im Blut beträgt ca. 95 Prozent. Unter 90 Prozent wird es schon kritisch. Die Sauerstoffsättigung im Blut meines Vaters sank auf zeitweise 70 Prozent.

Bingen in Rheinland-Pfalz, wo meine Eltern leben, ist keine Großstadt, das Heilig-Geist-Hospital mit 132 Planbetten und 300 Mitarbeitern keine Uni-Klinik. Aber seit etwa vier Jahren verfügt dieses Krankenhaus über die Station 5, die Weaning-Station und über hervorragendes ärztliches Personal.

Dr. Med Arno Depta, Chefarzt der Weaning-Station: “Unter Weaning versteht man in diesem Zusammenhang „Entwöhnung von einem Beatmungsgerät. Wir behandeln „normalerweise“ PatientInnen von Intensivstationen anderer Krankenhäuser. Bei den Patienten wurde bereits auf den Intensivstationen, auf denen sie lagen, ein oder mehrere erfolglose Entwöhnungsversuche vom Beatmungsgerät durchgeführt. Also folgt die Entscheidung diese Patienten in eine Spezial-Einheit zu verlegen; das ist dann eine solche Weaning-Einheit.

Unsere Expertise liegt in der Behandlung der Entwöhnung vom Beatmungsgerät.”  

Neun Beatmungsmaschinen stehen bereit. Doch aufgrund der andauernden Personalenge können nur vier oder fünf gleichzeitig bearbeitet werden. „Wir arbeiten hier wirklich an der obersten Kapazitätsgrenze“, erklärt Dr. Peter Linke, Ärztlicher Direktor des Heilig-Geist-Hospitals.

Mein Vater hatte Glück, dass er sofort behandelt werden konnte. Er bekam eine Überdruckbeatmung mit Hilfe einer speziellen Maske, die er anfangs ohne Unterbrechung tragen musste. Und trotzdem litt mein Vater weiter. Das Virus war noch zu stark.

„Die Masken pumpen dir die Luft/Sauerstoff mit erhöhtem Druck in die Lunge. „Du liegst unter dieser Maske, dein Gesicht ist eingequetscht. Du fühlst dich total eingesperrt, die Maske drückt auf dein Gesicht, und du schnappst nach Luft“, erinnert sich mein Vater. „Das war furchtbar anstrengend und psychisch belastend.“ 

Mein Vater unter der Beatmungsmaske

Endlich Luft!

Es dauerte mehrere Tage und Nächte, bis die Behandlung eine erste Wirkung zeigte. Während dieser Zeit kümmerte sich das Personal der Station 5 rührend um meinen Vater. „Ich hatte nie Panik, ich fühlte mich immer sehr gut aufgehoben und ich wusste, dass alle ihr Bestes taten.“

Auch wenn wir anriefen, um uns über die Situation zu informieren, bekamen wir immer freundlich und geduldig Auskunft, unsere Nachrichten wurden an meinen Vater übermittelt. Das war so unheimlich viel wert, dass wir alle größten Respekt vor dem Team dort haben. 

Und trotzdem: Mein Vater fand diese Zeit und diesen ständigen Kampf um Luft so anstrengend, dass er kurz vor dem Aufgeben war. „Ich habe wirklich gedacht, ich schaffe es nicht mehr“, erinnert er sich. 

Umso genussvoller war es, als er merkte – da kommt endlich Luft: “Man spürt subjektiv, dass man mehr Sauerstoff in die Lungen bekommt. Das hat mir auch psychisch unheimlich geholfen. Endlich wurde es wieder besser statt schlechter.“

Von da an arbeitete sich mein Vater Stück für Stück ins Leben zurück – dank einer positiven Einstellung und Disziplin. Die Anwendung der Maske konnte so Stück für Stück reduziert werden. In den „Pausen“ wurde meinem Vater weiterhin per Nasensonde high-flow Sauerstofftherapie zugefügt, aber das war zu ertragen. 

Knapp zwei Wochen nach seiner Einlieferung wurde er – Corona-negativ – nach Hause entlassen, zwar noch sehr schwach, aber durchaus fähig, alleine weiter seinen Heilungsprozess voranzubringen. Seither arbeitet er weiter daran, fit zu werden. Inzwischen kann er sogar schon wieder mit dem Hund spazieren gehen. An Tennis, Golf oder Joggen ist noch lange nicht zu denken. Die Genesung wird noch Monate dauern. 

Aber wenigstens hat mein Vater überlebt. Er ist sich sicher, dass seine körperliche Fitness und sein gesunder Lebensstil erheblich dazu beigetragen haben  — und dass viele unserer weniger fitten Bekannten es nicht geschafft hätten.

Das sieht auch Dr. Depta so: “Trotz seiner 80 Jahre, ist ihr Vater in einer körperlichen Verfassung, wie man es für sich selbst in einem solchen Alter nur wünschen kann. Er hat fast keine Vorerkrankungen die relevant sind für den Verlauf einer solchen Erkrankung.”

Tragt Maske – Haltet Abstand!

Es ist in unser aller Verantwortung, andere Menschen vor einer Covid19-Erkrankung zu schützen. Als Tochter eines 80Jährigen, der also beinahe an Corona starb, macht es mich jedes Mal fassungslos, wenn ich Menschen ohne Maske auf Spiel- oder anderen belebten Plätzen sehe. Und vielleicht merken sie wirklich nicht, falls sie Corona haben und kommen ohne Probleme durch die Epidemie. Ich wünsche es ihnen. Aber vielleicht stehen sie auch einmal im Geschäft neben einem älteren Menschen und gefährden so sein Leben. 

Mein Vater am Tag nach seiner Heimkehr Anfang Dezember.

„Jeder sollte sich bewusst sein, dass es nicht nur um seine Gesundheit geht, sondern auch um die Gesundheit seines Umfelds“, wünscht sich mein Vater. 

Und Ich wünsche mir für 2021, dass sich mehr Menschen diesen Satz zu Herzen nehmen.


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